Verein für sozialpädagogische Jugenbetreuung e.V.

Alles auf Abstand – wie geht das?

Das Arbeiten während der aktuellen Krisenzeit gestaltet sich für Mitarbeiter in ambulanten Hilfen recht schwierig. Zum Schutz für alle müssen auch wir die Termine so kurz wie notwendig halten, auf Abstand achten, auf Telefonate ausweichen – wie soll die ausgemachte Betreuungszeit weiter aufrechterhalten werden oder wie können wir den Familien, Jugendlichen und Kindern in dieser Zeit weiterhin angemessen beistehen? Können wir neue Fälle aufnehmen oder sollten wir den „neuen“ Sozialkontakt meiden?

Im stationären Bereich (stationär betreutes Wohnen) muss/soll alles so normal wie möglich weiterlaufen. Doch was heißt das für die Arbeit? Der Mindestabstand von 1,5 Metern macht schon die Geldauszahlung für unsere Jugendlichen zu einer Herausforderung. Das Geld einfach in die Hand drücken geht ja nicht… Sollten wir die Geldscheine desinfizieren, wenn wir sie herausgeben oder gibt es Vorrichtungen, mit denen wir das kontaktlose Auszahlen garantieren können? Wie wäre es zum Beispiel mit einer Greifhilfe? Ein sehr beliebtes Mittel, das gerne im medizinischen Bereich angewendet wird, wenn der Patient sich kaum bewegen kann.

Doch das wäre vermutlich nicht umsetzbar oder auch zu teuer in der Anschaffung für alle Mitarbeiter. Dann vielleicht doch auf die Alternative „Geldweitwurf“ ausweichen?

Immerhin finden die vereinbarten Termine nun überwiegend an der frischen Luft statt – endlich bewegen sich alle wieder mehr… Es wird spaziert und die aktuelle Situation besprochen, der Ernst der Lage und wie man auch mit Humor durch diese Zeit kommt. Oder geht Humor nicht? Welche Lösungen finde ich mit meinen Jugendlichen, mit der aktuellen Situation umzugehen, damit ihnen nicht die Decke auf den Kopf fällt, ständig TV Schauen wird ja auch irgendwann langweilig? Aber nicht nur die Klienten, auch wir Mitarbeiter müssen uns umstellen und uns den aktuellen Gegebenheiten stellen. Nicht nur Menschen, die psychisch vorbelastet sind, kommen an ihre Grenzen, sondern wir alle. Gerade jetzt ist es daher umso wichtiger, füreinander da zu sein, ein offenes Ohr zu haben und gemeinsam zu lachen.

Bei ambulanten Fällen ist die aktuelle Arbeit auch eine Herausforderung. Manche Familien müssen weiter gesehen werden, doch wie erkläre ich einem kleinen Kind, dass es nicht auf mich zustürmen darf, sondern den Abstand von 1,5 Metern einhalten soll? Wir können provisorisch versuchen durch das Spiel „Wir bauen eine Mauer“ oder „Wer nicht den anderen berührt gewinnt“ vorzubeugen, doch auch das wird nicht 100% klappen. Nähe und Distanz – ein oft diskutiertes Thema in unserer Arbeit. Die nun notwendige Distanz erschwert die Arbeit mit unseren Familien, denen wir gerne die Hand reichen oder das kleine Kind einmal in den Arm nehmen möchten. Trösten ohne Umarmung – manchmal schwieriger darauf zu verzichten als man denkt. Hierauf müssen wir nun vorerst verzichten. Stattdessen ist es umso wichtiger, auch ohne Körperkontakt Wertschätzung und Verständnis zu vermitteln, und immerhin kann man sich ja auch noch zuwinken, auch ein Lächeln hebt automatisch die Laune!

Die Herausforderungen sind aktuell jedoch nicht nur die Gestaltung der Termine, sondern auch die unterschiedlichen Vorgehensweisen, je nach Träger, je nach Bezirk und je nach Stadt. Eine einheitliche Regelung gibt es bisher nicht. Jeder versucht auf kreative Art und Weise durch die Ausgangsbeschränkung zu kommen. Die Möglichkeiten werden überprüft und ausgeschöpft. Neben Homeoffice halten wir uns mit den Klienten nach Möglichkeit draußen auf, was den positiven Nebeneffekt hat, dass der ein oder andere Jugendliche z.B. Fahrradfahren als ein neues Hobby entdeckt, oder wie wäre es mit Federball? Und auch die mittlerweile virtuell stattfindenden Teamsitzungen führen dazu, dass selbst Technikmuffel im Kollegium zu wahren Technikgenies werden. Es ist also doch nicht alles schlecht an der aktuellen Situation!

Alles in allem gehen wir weiter…. helfen den Kindern, Jugendlichen und Familien und halten das Rad am Laufen…. Jeder auf seine Weise, jeder mit seinen eigenen Mitteln und Wegen. Die Jugendhilfe ist und bleibt auch in Krisensituationen individuell und passt sich dem an, was die Klienten, die wir betreuen, brauchen.

Danke an alle Kollegen, die sich – so wie auch wir – grade durch diese Zeit kämpfen!